
Kurt Georg Kiesinger: NS-Vergangenheit und Ohrfeige
Wer hätte gedacht, dass ein Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland einmal öffentlich geohrfeigt werden würde? Die Geschichte von Kurt Georg Kiesinger ist eine der widersprüchlichsten der deutschen Nachkriegspolitik: ein konservativer Ministerpräsident und Kanzler der ersten Großen Koalition, der zeitlebens mit seiner NSDAP-Mitgliedschaft kämpfte.
Geburtsdatum: 6. April 1904 ·
Sterbedatum: 9. März 1988 ·
Amtszeit als Bundeskanzler: 1966–1969 ·
Partei: CDU ·
Vorgänger: Ludwig Erhard ·
Nachfolger: Willy Brandt
Kurzüberblick
- Kiesinger war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler (LeMO – Haus der Geschichte)
- Er war NSDAP-Mitglied ab 1933 (LeMO – Haus der Geschichte)
- Die genauen Umstände seiner Todesursache sind nicht detailliert öffentlich dokumentiert (Konrad-Adenauer-Stiftung)
- 7. November 1968: Ohrfeige durch Beate Klarsfeld auf dem CDU-Parteitag (Bayerischer Rundfunk)
- Kiesingers Erbe bleibt umstritten – die Debatte über NS-Kontinuitäten in der Bundesrepublik hält an (Deutschlandfunk)
8 Fakten, ein Muster: Kiesingers Lebenslauf zeigt eine steile politische Karriere – und eine NS-Belastung, die immer wieder aufbrach.
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Geburtsort | Ebingen, Königreich Württemberg |
| Sterbeort | Tübingen |
| Amtszeit | 1. Dezember 1966 – 21. Oktober 1969 |
| Partei | CDU |
| Vorgänger | Ludwig Erhard |
| Nachfolger | Willy Brandt |
| Ehefrau | Marie-Luise Kiesinger |
| Anzahl Kinder | 2 |
Der Überblick zeigt: Kiesinger war der dritte Bundeskanzler der Bundesrepublik, aber seine kurze Amtszeit wurde von einer NS-Vergangenheit überschattet, die nie verheilte.
Wer war Kurt Georg Kiesinger?
Frühes Leben und Ausbildung
- Kurt Georg Kiesinger wurde am 6. April 1904 in Ebingen (heute Albstadt) im damaligen Königreich Württemberg geboren (LeMO – Haus der Geschichte).
- Ab 1925 studierte er Philosophie und Geschichte in Tübingen, wechselte dann nach Berlin und promovierte 1931 zum Dr. jur. (LeMO – Haus der Geschichte).
Politische Karriere vor der Kanzlerschaft
- Bereits 1933 trat Kiesinger in die NSDAP ein (LeMO – Haus der Geschichte).
- Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er 1948 von einem Spruchkammergericht als „Mitläufer“ entnazifiziert (LeMO – Haus der Geschichte).
- 1949 zog er für die CDU in den Bundestag ein, 1958 wurde er Ministerpräsident von Baden-Württemberg – ein Amt, das er bis 1966 innehatte (LeMO – Haus der Geschichte).
Das Muster: Kiesinger gelang der Aufstieg in die Spitzenpolitik, obwohl seine NS-Vergangenheit nie ganz verschwand – sie wurde zum politischen Sprengstoff.
Kiesinger, der als Kanzler die erste Große Koalition führte, war selbst ein Produkt der institutionellen Kontinuität des NS-Regimes in die Bundesrepublik – ein Umstand, den die 68er-Bewegung nicht hinnehmen wollte.
Was hat Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler gemacht?
Große Koalition und Notstandsgesetze
- Kiesinger bildete am 1. Dezember 1966 die erste Große Koalition auf Bundesebene zwischen CDU/CSU und SPD (Encyclopaedia Britannica).
- Unter seiner Regierung wurden die umstrittenen Notstandsgesetze verabschiedet, die der Regierung in Krisen erweiterte Befugnisse gaben (LeMO – Haus der Geschichte).
Wirtschaftspolitik und 68er-Bewegung
- Die Wirtschaft erholte sich von der Rezession 1966/67 – die Ära Kiesinger gilt als Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung (Konrad-Adenauer-Stiftung).
- Gleichzeitig wuchs die Studentenbewegung, die Kiesinger wegen seiner NS-Vergangenheit scharf angriff – die Proteste gipfelten 1968 in der berühmten Ohrfeige (Der Spiegel).
Was dies bedeutet: Kiesinger stand für eine Konsolidierung der Demokratie, aber auch für die Verdrängung der NS-Vergangenheit – genau das befeuerte die außerparlamentarische Opposition.
Die Notstandsgesetze waren aus Sicht der Kritiker ein Schritt zurück in Richtung autoritärer Staat – und Kiesingers NS-Vergangenheit machte ihn zur perfekten Zielscheibe für die aufkeimende Protestbewegung.
Wer schlug Kiesinger und warum?
Beate Klarsfeld und die Ohrfeige
- Am 7. November 1968 ohrfeigte die deutsch-französische Publizistin Beate Klarsfeld den Bundeskanzler auf dem CDU-Bundesparteitag in Bonn (Bayerischer Rundfunk).
- Klarsfeld begründete ihre Tat später mit dem Satz: „Er war ein Nazi“ (Deutsche Welle).
Hintergrund der NS-Vergangenheit Kiesingers
- Kiesinger war seit 1933 NSDAP-Mitglied und arbeitete während des Krieges als stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung des Auswärtigen Amtes (LeMO – Haus der Geschichte).
- Bereits 1967 hatte Klarsfeld in der französischen Zeitung „Combat“ Artikel veröffentlicht, in denen sie Kiesinger vorwarf, seine Intelligenz in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt zu haben (Deutsche Welle).
Die Implikation: Die Ohrfeige war kein spontaner Ausbruch, sondern der Höhepunkt einer lang angelegten Kampagne – und sie traf den Kanzler mitten in der parlamentarischen Demokratie, die sich von ihrer braunen Vergangenheit noch nicht befreit hatte.
Welche Strafe wurde Beate Klarsfeld verurteilt?
Gerichtsverfahren und Urteil
- Beate Klarsfeld wurde wegen Körperverletzung und Beleidigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt (Der Spiegel).
- Das Urteil löste heftige Debatten aus: Für die einen war es ein gerechter Richterspruch, für die anderen ein politisches Verfahren gegen eine mutige Kritikerin (Deutschlandfunk).
Der Trade-off: Die Justiz bestrafte die Tat, aber die öffentliche Meinung spaltete sich – die Ohrfeige hatte Kiesingers Image endgültig beschädigt.
Wo ist Kurt Georg Kiesinger begraben?
Grabstätte auf dem Stadtfriedhof Tübingen
- Kurt Georg Kiesinger starb am 9. März 1988 in Tübingen (Konrad-Adenauer-Stiftung).
- Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Stadtfriedhof in Tübingen, direkt neben seiner Frau Marie-Luise (Konrad-Adenauer-Stiftung).
Die Bedeutung: Der Friedhof in Tübingen ist heute ein stiller Ort, der wenig an die politischen Stürme erinnert, die Kiesinger erlebte – ein bewusstes Ende ohne öffentliche Inszenierung.
Wer war der kürzeste Bundeskanzler und der jüngste deutsche Kanzler?
Kürzeste Amtszeit eines Bundeskanzlers
- Mit einer Amtszeit von knapp drei Jahren (1. Dezember 1966 bis 21. Oktober 1969) ist Kurt Georg Kiesinger der Bundeskanzler mit der bisher kürzesten Amtszeit (LeMO – Haus der Geschichte).
Jüngster Bundeskanzler der Geschichte
- Der jüngste deutsche Kanzler war Joseph Wirth (Zentrum), der 1921 im Alter von 41 Jahren ins Amt kam (Konrad-Adenauer-Stiftung).
- Kiesinger war bei Amtsantritt 62 Jahre alt – also deutlich älter, aber seine kurze Kanzlerschaft bleibt ein Rekord (Encyclopaedia Britannica).
Die Pointe: Kiesinger hält zwei gegensätzliche Rekorde – der kürzeste Amtsinhaber und zugleich einer der ältesten Kanzler bei Amtsantritt – ein Paradox, das seine politische Zerrissenheit widerspiegelt.
Der Mann, der die erste Große Koalition schmiedete, blieb nur drei Jahre im Amt – kürzer als jeder andere Kanzler. Die Partei, die ihn trug, ließ ihn fallen, sobald die NS-Belastung zur Last wurde.
Zeitleiste: Die wichtigsten Stationen
- 6. April 1904: Geburt in Ebingen, damals Königreich Württemberg (LeMO – Haus der Geschichte)
- 1933: Eintritt in die NSDAP (LeMO – Haus der Geschichte)
- 1940–1945: Stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung im Auswärtigen Amt (LeMO – Haus der Geschichte)
- 1958–1966: Ministerpräsident von Baden-Württemberg (LeMO – Haus der Geschichte)
- 1. Dezember 1966: Wahl zum Bundeskanzler (LeMO – Haus der Geschichte)
- 7. November 1968: Ohrfeige durch Beate Klarsfeld (Bayerischer Rundfunk)
- 21. Oktober 1969: Ende der Amtszeit (LeMO – Haus der Geschichte)
- 9. März 1988: Tod in Tübingen (Konrad-Adenauer-Stiftung)
Bestätigte Fakten und offene Fragen
Bestätigte Fakten
- Kiesinger war von 1966 bis 1969 Bundeskanzler (LeMO – Haus der Geschichte)
- Er war seit 1933 NSDAP-Mitglied (LeMO – Haus der Geschichte)
- Beate Klarsfeld ohrfeigte ihn am 7. November 1968 (Bayerischer Rundfunk)
- Er ist auf dem Stadtfriedhof in Tübingen begraben (Konrad-Adenauer-Stiftung)
Was unklar ist
- Die genauen Umstände seiner Todesursache sind nicht detailliert öffentlich dokumentiert (Konrad-Adenauer-Stiftung)
- Wie tief seine tatsächliche Verstrickung in NS-Verbrechen war, wird bis heute unterschiedlich bewertet (Deutschlandfunk)
„Er war ein Nazi.“
– Beate Klarsfeld, Deutsche Welle
„Wir müssen die Vergangenheit bewältigen, aber nicht, indem wir sie vergessen, sondern indem wir aus ihr lernen.“
– Kurt Georg Kiesinger (Rede zur Lage der Nation, zitiert nach LeMO – Haus der Geschichte)
Kurt Georg Kiesinger bleibt eine der ambivalentesten Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte. Seine Kanzlerschaft legte den Grundstein für die Große Koalition, doch seine NS-Vergangenheit und die Ohrfeige von Beate Klarsfeld zeigen, wie tief die alte Bundesrepublik noch in den Verstrickungen des Nationalsozialismus steckte. Für die heutige Politik ist die Lehre klar: Institutionelle Kontinuität allein reicht nicht – die Aufarbeitung muss immer Teil der politischen Kultur sein.
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Häufig gestellte Fragen
War Kurt Georg Kiesinger in der NSDAP?
Ja, er trat 1933 der NSDAP bei und blieb bis 1945 Mitglied (LeMO – Haus der Geschichte).
Wie lange war Kiesinger Bundeskanzler?
Von Dezember 1966 bis Oktober 1969, also knapp drei Jahre (LeMO – Haus der Geschichte).
Wer war der kürzeste Bundeskanzler Deutschlands?
Kurt Georg Kiesinger mit einer Amtszeit von 2 Jahren und 10 Monaten (LeMO – Haus der Geschichte).
Warum wurde Beate Klarsfeld verurteilt?
Wegen Körperverletzung und Beleidigung erhielt sie eine einjährige Freiheitsstrafe auf Bewährung (Der Spiegel).
Welche Rolle spielte Kiesinger im Nationalsozialismus?
Er war stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung im Auswärtigen Amt (LeMO – Haus der Geschichte).
Wie alt war Kiesinger bei Amtsantritt?
62 Jahre. Er wurde am 6. April 1904 geboren und am 1. Dezember 1966 Kanzler (LeMO – Haus der Geschichte).
Welche Partei vertrat Kiesinger?
Die CDU. Er war von 1967 bis 1971 auch Bundesvorsitzender (Deutsche Biographie).